©Madonnen-Film

„Sie glauben nicht, wie kreativ Lehrer sind!“ – Dieter Bachmanns „Rezepte“ für eine chancengerechtere Bildungspolitik

Im Gespräch mit der Stiftung Bildung verrät der Pädagoge und Hauptdarsteller des preisgekrönten Dokumentarfilms HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE (2021) seine Erfolgsrezepte für eine „nestwarme Schule“, die Schülerinnen und Schülern mit ganz unterschiedlichen Teilhabechancen Wertschätzung und Selbstbewusstsein mitgibt.

Lehrerausbildung muss neu gedacht werden

Im Online-Gespräch mit der Stiftung Bildung am vergangenen Mittwoch sieht Dieter Bachmann die Lösung für eine chancengerechtere Bildung nicht in einem anderen Schulsystem. Seine „Erfolgsrezepte“ beruhen auf individuellen Lösungen und Herangehensweisen der Lehrkraft. Er fordert daher eine ganz andere Art der Lehrerinnenausbildung, die ganz früh von der Uni abgekoppelt sein sollte. Die zukünftigen Lehrenden sollten von Anfang an in die Praxis mit eingebunden werden. Die Lehramtsausbildung sollte viel mehr wie eine Ausbildung, beispielsweise eine Schreinerlehre, aufgezogen sein.

Bachmann hofft, der Dokumentarfilm über ihn „erregt und bewegt“.

„Nutzt die Möglichkeiten, die da sind!“, will er den Lehrenden am liebsten zurufen.

Vor dem offiziellen Start des Online-Gesprächs spielt Dieter Bachmann dem Team der Stiftung Bildung noch schnell den Song „Teach Your Children Well“ vor. Übersetzt heißen die Zeilen: „Lehrt euren Kindern, dass es mit der Hölle ihrer Väter allmählich zu Ende geht! Lasst sie an euren Träumen teilhaben – und je nachdem, für welchen sie sich entscheiden, werdet ihr sie besser verstehen.“ (Crosby, Stills & Nash, Übersetzung: SWR1)

Noten dürfen keine Verurteilung sein

Die Tafel gehörte jedem, erzählt der Pädagoge. Jeder Schüler konnte die Tafel nutzen, beispielsweise um dort eine Rechenaufgabe lösen oder etwas aufzuschreiben – ein ungewöhnliches und hierarchiefreies Konzept. „Ich habe sehr viel über die Schüler gelernt“, gibt Bachmann zu.

Was ihn störte, war „die ständige Bewerterei“. Andererseits ist er auch der Meinung, dass jeder Lehrer dies förderlich gestalten kann, indem er den Schülerinnen ein Spiegel ist. Die Lehrkraft müsse den Schülern klarmachen, „dass sie Fehler machen, aber nicht der Fehler sind“. Noten dürfen keine Verurteilung sein, sondern müssen den Lernfortschritt bewerten. Lehren sollte man „mit Bauch, Gefühlen, mit Liebe“, ist er überzeugt. Dieter Bachmann wurde von seinen Schülern immer mit 2+ bewertet. „Wie die Dinge, die ich in die Schule gebracht habe, auf Gegenliebe gestoßen sind, das ist mir selbst ein Rätsel“, gibt er lachend zu. Rückblickend sagt er, ein Coaching wäre super gewesen. Ein Coaching, dass ihm geholfen hätte, achtsam mit seinen Ressourcen und Kräften umzugehen.

Täglich Lesen auf dem Stundenplan

Im Gespräch mit der Stiftung Bildung, erzählt Bachmann auch, wie er den „Leseteppich“ erfand. Nachdem Schüler mit Gebetsteppichen in die Schule gekommen waren, hatt er die Idee, dass alle Kinder einen Teppich mitbringen könnten. Unter den Bänken wurde gebetet, also lasen die Kinder dann auch „unterirdisch“.

Überhaupt stand das Lesen jeden Tag auf Bachmanns Stundenplan. Im Film gibt es eine Szene, in der Bachmann einem Schüler klarmacht, dass Lesen die Grundvoraussetzung für das weitere Lernen sei. Wenn er nicht lesen könne, würde der Schüler sofort von der Realschule fliegen. Im Film verblüfft und begeistert auch eine Sequenz, in der die ganze Klasse, einschließlich Herr Bachmann, in verschiedenste Bücher und Schmöker vertieft ist und konzentriert liest.

Es gab drei verschiedene Bücherkisten in der Klasse, erzählt Bachmann. Eine davon war gefüllt mit Büchern, die die Kinder von zuhause mitbringen durften. Auf dem Elternabend band der Lehrer die Eltern in die Leseförderung mit ein. Er erklärte den Müttern und Vätern, die zum Teil kaum Deutsch sprachen, jede Familie müsse sich ein „Familienbuch“ auswählen und dieses dann gemeinsam lesen – er würde das kontrollieren.

„Kampagnen“ an Elternabenden und Ausflüge zu Lernorten

Bachmann nutzte die Elternabende regelmäßig für kleine „Kampagnen“, wie er es nennt. Zum Beispiel als ihm bei einer Klassenfahrt auffällt, dass einige der Jungen keine Spülmaschine einräumen können, weil sie das zuhause nie machen mussten.

Ein weiteres Erfolgsrezept von ihm waren regelmäßige Ausflüge in das Mathematikmuseum in Gießen. Dort gibt es „Mathematik zum Anfassen“, begeistert sich Dieter Bachmann. Mindestens zweimal im Halbjahr sei er mit seinen Schülerinnen dort gewesen. Denn das Wichtigsten sei, dass die Kinder Spaß am Lernen haben. Dann seien sie motiviert und neugierig auf neue Erkenntnisse.

Für uns war der Abend mit Dieter Bachmann eine tolle Inspiration! Wer Lust bekommen hat, mit seinen Schülerinnen ein Museum zu besuchen, eine Musikpädagogin, einen Bildhauer oder eine Schriftstellerin einzuladen, kann dies beispielsweise über das Programm Chancenpatenschaften finanzieren.

Wir fördern mit Chancenpatenschaften Projekte, im Rahmen derer Patenschaften zwischen Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Teilhabechancen, aber ungefähr gleichen Alters entstehen. Dabei sind die unterschiedlichsten Projektformate denkbar: Wir möchten Projekte Realität werden lassen, die genau dort ansetzen, wo die Bedarfe der Kinder und Jugendlichen vor Ort liegen.

Machen auch Sie mit bei den Chancenpatenschaften!

Chancenpatenschaften Zeichnung

Seit 2016 konnten wir, mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“, bereits über 11.000 Patenschaften initiieren – und möchten weiterhin jedes Jahr 3.000 Patenschaften fördern. Gemeinsam mit Ihnen, mit engagierten Menschen vor Ort, möchten wir Begegnungsräume schaffen und einen Beitrag zu einer chancengerechten Bildung leisten.

Sie haben auch eine Projektidee? Gern beraten und unterstützen wir Sie bei der Antragstellung!

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