Vertraut Euch!

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum

von Wibke Bergemann

Vertrauen bedeutet, dem anderen eine Chance zu geben. Man riskiert dabei, belogen und betrogen zu werden. Dennoch lohnt es sich, dieses Wagnis einzugehen. Denn wer anderen vertraut, dem wird auch Vertrauen geschenkt. Der erste Schritt ist, die eigene Blase zu verlassen.

Dirk ist Ende 40, als seine Welt von einem Tag auf den anderen auseinanderbricht. Dabei hat er scheinbar alles richtig gemacht: Sein Betrieb läuft bestens, er hat eine tolle Frau, zwei gesunde Kinder und ein großes Haus. Nicht wenige beneiden ihn um sein Glück. Innerlich beginnt Dirk bereits, sich auf einen ruhigen Lebensabend zu freuen. Doch dann gesteht ihm seine Frau nach 20 Jahren Ehe, dass sie ein Verhältnis mit einem anderen Mann hat und mit diesem zusammenziehen will. Einen Monat später verlässt sie Dirk. Es gibt keinen Streit um die Kinder – die sind bereits aus dem Haus. Es gibt keinen Streit ums Geld – das regelt ein zuvor aufgesetzter Ehevertrag. Dirk verliert etwas Tieferes, etwas Unsichtbares: sein Vertrauen.

Eine Grundlage des Zusammenlebens

Ohne jegliches Vertrauen könnte der Mensch morgens sein Bett nicht verlassen, schrieb 1968 der Soziologe Niklas Luhmann. Vertrauen ist der Kitt unserer sozialen Beziehungen. Wir fühlen uns geborgen, wenn wir wissen, dass wir uns auf andere Menschen verlassen können, in der Liebe genauso wie in der Familie, unter Freunden oder bei der Arbeit. Darüberhinaus brauchen wir Vertrauen auch in größeren Zusammenhängen. Anders würde unsere komplexe Gesellschaft nicht funktionieren.

Denn täglich begeben wir uns in die Hand anderer Menschen: Morgens stelle ich die Kaffeekanne auf den Herd und drehe die Flamme auf, im Vertrauen darauf, dass die Gaswerke normal arbeiten. Ich frühstücke Brot mit Marmelade, im Vertrauen darauf, dass sich in der Verpackung genau das befindet, was drauf steht. Meine Kinder vertraue ich der Schule an, mein Geld der Bank. Ich verlasse mich darauf, dass die anderen Verkehrsteilnehmer bei Rot halten und mich beim Abbiegen sehen, wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre. Und nicht zuletzt beruht unsere demokratische Staatsordnung auf dem Vertrauen, das die Wählerinnen und Wähler ihren Abgeordneten entgegen bringen.

Die enttäuschte Gesellschaft

Doch offenbar geht es unserer Gesellschaft ähnlich wie Dirk: Wir fühlen uns enttäuscht. Soziologen sprechen von einer Vertrauenskrise, die den Zusammenhalt gefährdet. In der Vermächtnis-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschungen (WZB) zeigte lediglich ein Viertel der Befragten ein hohes Vertrauen in die Mitmenschen, fast 40 Prozent ein nur geringes Vertrauen. Bei der Vermächtnis-Studie näherten sich WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger und Kollegen der Vertrauensfrage über einen Umweg. Mehr als 2.000 Menschen wurden gefragt, wie wichtig bestimmte Werte ihnen selbst sind und wichtig sie ihrer Meinung nach anderen sind. Dabei gingen in einigen sozialen Fragen die Selbst- und die Fremdwahrnehmung weit auseinander. Das „Wir“-Gefühl etwa ist für die meisten sehr wichtig. Zugleich glauben sie, dass andere diesen Wert nicht teilen. Eine Diskrepanz, die zeigt, wie wenig Vertrauen wir in den gesellschaftlichen Zusammenhang haben, meint Allmendiger.

Die persönliche Fähigkeit

Vertrauen ist immer ein Vorschuss, eine Investition, die mit einem Risiko verbunden ist. Wem vertrauen wir also, was weckt unser Misstrauen? Das hängt in hohem Maße von den Erfahrungen ab, die wir im Laufe unseres Lebens machen. Dem Psychologen Niels Birbaumer zufolge liegt die Fähigkeit zu vertrauen auch in unserer Persönlichkeit verankert:

  1. Angst: Wer grundsätzlich versucht, Risiko und Verlust zu vermeiden, tut sich schwerer, anderen zu vertrauen.
  2. Bereitschaft zu verzeihen: Wer eher bereit ist, einen möglichen Betrug zu verzeihen, ist besser darauf vorbereitet, eventuell enttäuscht zu werden, und kann leichter Kontrolle abgeben. Das Bedürfnis, Betrug auszublenden, geht so weit, „dass viele Menschen lieber Vertrauen zu jemand Vertrauensunwürdigem fassen als zu erfahren, dass sie von jemandem betrogen wurden“, schreibt Birbaumer.
  3. Gerechtigkeitssinn bzw. Ehrlichkeit: Wer sich selbst ehrlich verhält und entsprechende positive Erfahrungen gespeichert hat, kann auch leichter anderen Vertrauen schenken.

Wir projizieren unsere eigene Haltung auf andere: Menschen, die sich prosozial und kooperativ verhalten, erwarten dies auch von ihrem Gegenüber. Und dieser Effekt geht noch weiter: Laut Birbaumer wird Menschen, die sich für vertrauenswürdig halten, auch eher Vertrauen entgegengebracht. Vertrauen beruht also auf Gegenseitigkeit. Umgekehrt zeigt sich, dass Misstrauen auch beim Gegenüber Misstrauen erzeugt. Es liegt also auch in der Hand jedes Einzelnen, ob er Vertrauen oder Misstrauen in seiner Umgebung verbreitet.

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Die Alternative: Chaos

Das gilt auch in einem größeren, gesellschaftlichen Kontext. So ist bekannt, dass beispielsweise Überwachungskameras kein Sicherheitsgefühl erzeugen, sondern eher Bedrohungsängste verstärken. Wie eine Welt ohne Vertrauen aussehen würde, lässt sich nur erahnen. Der Soziologe Luhmann stellt in seiner Schrift „Vertrauen“ fest, dass „Chaos und lähmende Angst die einzige Alternative zum Vertrauen“ sind. Ein öffentliches Leben, ein geregelter Straßenverkehr, Vereine und Ehrenamt, Wirtschaft und Handel, demokratische Wahlen – all das wäre kaum möglich.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ lautet zwar ein Sprichwort. Doch wie viel Kontrolle wollen wir unserem Leben? Jede Partnerschaft oder Freundschaft würden zerbrechen, wollte einer das Verhalten des anderen komplett überprüfen, statt ihm zu vertrauen. In Wirtschaft und Politik würden umfassende Kontrollen Unmengen an Ressourcen und Personal benötigen und die Arbeit erheblich verlangsamen. Mit anderen Worten: Kontrolle kann Vertrauen ergänzen, aber nicht ersetzen.

Eine maßvolle Skepsis

Vertrauen bedeutet nach dem britischen Soziologen Anthony Giddens, dass man Fremden, die man nicht kennt, zunächst einmal „Redlichkeit“ oder „Zuneigung“ unterstellt. Damit ist aber nicht gemeint, dass man sich dem blinden Vertrauen hingibt. Ein gesundes Maß an Skepsis ist immer angebracht. So könne es durchaus berechtigt sein, „bestimmten staatlichen Organisationen zu misstrauen – zum Beispiel dem Verfassungsschutz oder einer bestimmten Partei – ohne dass es sinnvoll wäre, daraus ein generelles Misstrauen in den Staat oder die Demokratie zu folgern“, meint Albert Scherr, Soziologe an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Es gehe darum, der Welt mit einem wohlwollenden Vertrauen zu begegnen und zugleich aufmerksam zu bleiben, ein Auge auf den Dingen zu behalten. In aller Verlässlichkeit müsse immer auch mit der Unzuverlässigkeit gerechnet werden, so Scherr.

Denn wenn ein Vertrauen enttäuscht wird, liegt das nicht unbedingt nur am Fehlverhalten der einen Seite. Es kann auch an den übersteigerten Erwartungen desjenigen liegen, der enttäuscht wurde. Wer sich zutiefst enttäuscht fühlt, muss sich fragen, ob er dem anderen nicht zu viel zugetraut hat. „Die maßvolle Skepsis verhindert ein Übermaß an Vertrauen, das in Gefahr steht, sich bei der kleinsten Irritation in ein Übermaß an Misstrauen zu verkehren“, warnt der Philosoph Wilhelm Schmid. Wer maßlos enttäuscht wird, kann nur schwer wieder Vertrauen fassen. Ein maßloses Misstrauen führt letztendlich zu einem paranoiden Blick auf die Welt.

Vertrauen lässt sich aufbauen

Das Wort vertrauenswürdig verweist darauf, dass es sich um einen besonderen Aspekt der menschlichen Würde handelt, bemerkt Schmid: „Alle fühlen sich gewürdigt, wenn ihnen und der Sache, die sie vertreten, Vertrauen geschenkt wird, und entwürdigt, wenn nicht.“ Mit anderen Worten: Wir sollten einander schon allein deswegen vertrauen, um uns gegenseitig eine Chance zu geben und uns diese Würde zuzugestehen.

Jeder Einzelne steht vor der Herausforderung, Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft ein Mindestmaß an Vertrauen entgegenzubringen. In der Vermächtnis-Studie stellten Allmendinger und Kollege*inen jedoch fest, dass viele der Befragten sich ausschließlich in einem kleinen Kreis aus Familie und Freunden bewegen. Vielen fehle der Kontakt zu Menschen aus anderen Schichten und Milieus. Genau dieser Kontakt ist aber nötig, damit sich Menschen aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft verbunden fühlen und sich vertrauen können.

Doch wie lässt sich der eigene Kokon verlassen? Wie werden persönliche Begegnungen außerhalb davon möglich? Allmendinger sieht Chancen beispielsweise in einem sozialem Jahr, in Ehrenämtern und Vereinen. Ein weiterer, recht naheliegender Ort, an dem man sich austauschen und vertrauensvolle Erfahrungen machen kann, ohne notwendigerweise den gleichen sozialen Hintergrund zu haben, ist die Nachbarschaft. Umso gemischter, desto besser. Auch das ist ein Ergebnis der Vermächtnis-Studie: Das Vertrauen in die Nachbar*innen und das allgemeine Vertrauen in die Mitmenschen hängen offenbar eng miteinander zusammen.

Zurück zu Dirk. Nach vier leidvollen Jahren alleine hat er endlich eine neue Frau kennengelernt. Wenn er heute an seine erste Ehe zurückdenkt, muss er sich eingestehen, dass er an dem Bruch nicht unbeteiligt war. Jahrelang war er voller Misstrauen und Eifersucht, seine damalige Frau musste sich immer wieder rechtfertigen und erklären. Das habe sie irgendwann nicht mehr ausgehalten, meint Dirk inzwischen. Ohne Vertrauen geht es nicht.

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum (Ausgabe No. 14) auf der Grundlage des darin erschienenen Beitrags von Wibke Bergemann. Alle Artikel und Ausgaben des Online-Magazins können Sie kostenlos lesen unter: www.das-prinzip-apfelbaum.de

Dies ist ein Gastbeitrag der “Initiative Apfelbaum – mein Erbe tut Gutes“. Die Stiftung Bildung benutzt eine gesellschaftlich bewusst reflektierte Sprache (bspw: mit*, Diskriminierungen vermeidend, Vielfalt der Gesellschaft sichtbar machen u.ä.) in all ihren eigenen Beiträgen, respektiert das Recht am eigenen Wort der*des Autor*in, veröffentlicht auf den eigenen Medien der Stiftung Bildung jedoch nur die der Compliance angepassten Texte.

Fotos: SincerelyMedia/Unsplash; Lauren Lulu Taylor/Unsplash; Melissa Askew/Unsplash

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