Jugend und Bildung in der Pandemie

10 Paritätische Positionen mit Handlungsanforderungen zur Unterstützung und Stärkung der jungen Menschen

Die Stiftung Bildung unterstützt und befürwortet die 10 Paritätischen Positionen mit Handlungsanforderungen zur Unterstützung und Stärkung der jungen Menschen ‚Jugend und Bildung in der Pandemie‘.

Kinder und Jugendliche haben mitunter schweres Gepäck im Rucksack: wiederholtes selbständiges Lernen zu Hause und der radikale Wegfall aller altersentsprechenden sozialen Kontakte und Aktivtäten. Darüber hinaus bleiben die Reglements pandemie-bedingter Hygieneeinschränkungen am Schulstandort wohl langfristig erhalten, da für diese Zielgruppe aktuell keine Impfung in Sicht ist.

Paritätische Mitgliedsorganisationen in der Jugendsozialarbeit sehen mehr denn je die Notwendigkeit den Blick auf die Rechte und Entwicklungsbedürfnisse der jungen Menschen zu richten und als Kooperationspartner von Schulen im Rahmen ihrer Möglichkeiten gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Die 10 Forderungen des Paritätischen zu Jugend und Bildung in der Pandemie

POSITIONEN

EINSCHRÄNKUNGEN

Corona-bedingte Einschränkungen treffen jeden jungen Menschen anders.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Besondere Aufmerksamkeit aller Akteure beim Blick auf jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler

  • Analyse der körperlichen und emotionalen Verfasstheit jedes und jeder Einzelnen
  • Ermittlung des sich daraus ergebenden Bedarfs an individueller Untersützung
  • Implementierung bzw. Verstärkung und Ausweitung multiprofessioneller Teams (Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen, Sonderpädagogen, Psychotherapeutinnen etc.)

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • Unterstützung beim Erfassen der Lebenslagen
  • persönliche Beratung der SuS
  • Entwicklung individuell ausgerichteter Angebote (bspw. zur Stärkung der Selbstkompetenz)
  • weitere Partner innerhalb und außerhalb der Schule einbinden (bspw. SIBUZ, Jugendamt)

POSITIONEN

TEILHABE

Junge Menschen werden unzureichend informiert, gehört und beteiligt – obwohl sie Expertinnen und Experten ihrer Lage sind.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Regelmäßige und umfangreiche Einbindung und Beteiligung aller Schülerinnen und Schüler

  • regelhafte, altersgerechte und rechtzeitige Information aller SuS sicherstellen
  • Gespräche zur Aufarbeitung und Auswertung der Lockdown-Erfahrungen für die SuS anbieten
  • Zukunftsfragen unter Einbeziehung von Verantwortungsträgern diskutieren (bspw. Schulleitung, Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern, Vertretungen der Politik, andere Entscheidungsträger)
  • schulische Gremien wie Schülersprecher und Gesamtschülervertretung stärken, sowie deren Einbindung in alle Entscheidungsprozesse unterstützen (bspw. bei der Umsetzung und Ausgestaltung von Hygienemaßnahmen am Schulstandort; Fragen der Gestaltung der Unterrichtsformate/Wechselunterricht, Gestaltung der außerunterrichtlichen Angebote, Ganztagsangebote, Pausenzeiten)

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • SuS zu allen bedeutenden Veränderungen befragen
  • SuS bei der Entwicklung eigener Positionen unterstützen
  • Organisation, Moderation und Entwicklung von Austauschformaten (bspw. Zukunftstage, Workshops, Arbeitsgruppen)
  • Hilfe bei der Organisation der schulischen Gremien für SuS

POSITIONEN

SOLIDARITÄT

Mit fortschreitender Dauer der Pandemie verstärken sich die Unterschiede zwischen einzelnen SuS – gleichzeitig nimmt die Bereitschaft zu gegenseitigem Helfen ab.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Vermittlung solidarischer und sozialer Kompetenz

  • gemeinsame Haltung stärken: Wir stehen zusammen und bewältigen gemeinsam die Folgen
  • Konzepte zur Stärkung der Schulgemeinschaft entwickeln – unter Einbindung möglichst vieler Akteure (bspw. Ressourcen und Engagement vorhandener Schulfördervereine miteinbeziehen)
  • soziales Engagement durch Anreize stärken (bspw. durch Berücksichtigung in den kommenden Zeugnissen)

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • Projekte des sozialen Lernens verankern (bspw. „Stärkere unterstützen Schwächere“)
  • Mentoringprogramme implementieren, begleiten und stärken (bspw. „Schülerinnen und Schüler unterstützen sich gegenseitig“)
  • Hilfe bei der Organisation von Elternselbsthilfe und Elternaktivierung (bspw. „Eltern helfen Eltern zur Bewältigung der Pandemie“, Elternstammtische)

POSITIONEN

PSYCHE

Immer mehr junge Menschen geraten – oft unbemerkt – in seelische Nöte.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Feststellung von Belastungen und Bereitstellung konkreter Hilfen und Angebote

  • sensibles „Abholen“ der jungen Menschen
  • Entlasten der SuS durch Methoden zur Bewältigung von Stress und schwierigen Situationen
  • Jugendsozialarbeit und psychosoziale, therapeutische Unterstützung aufstocken
  • Qualifizierung und Fortbildung aller pädagogischen Fachkräfte zu Themen wie Sprach- und Traumapädagogik, Angsttherapie, Gewaltfreie Kommunikation und Soziales Lernen
  • Zusammenarbeit mit allen Verantwortungsträgern an und rund um die Schule zur Stärkung der SuS (bspw. SIBUZe, KJPD, Jugendhilfe)
  • perspektivische Entwicklung der Lebenswelt Schule zu einem gesundheitsförderlichen Ort

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • Identifizieren erforderlicher begleitender Unterstützungsbedarfe, auch mit Angebotsverweisen zu Krisendiensten für eine eventuelle Onlineberatung oder einen Hausbesuch
  • gesundheitsfördernde Angebote zur Stärkung der Resilienz mit den jungen Menschen entwickeln
  • mit allen Pädagoginnen und Pädagogen über das weitere Vorgehen nachdenken und konkrete Schritte formulieren

POSITIONEN

ELTERN

Eltern stecken in einem Dilemma: Die Sorge um die physische und seelische Gesundheit der Kinder wird vom Druck durch Lernen, Noten und schulisches Vorankommen konterkariert.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Sensibilisierung für die Situation und Sicht der Eltern und ihre Einbindung als Bildungspartner

  • rechtzeitige Informationen und verständliche Schulschreiben für alle Eltern
  • rechtzeitige Beteiligung und Einbindung von Eltern in den schulischen Gremien zur Situation der SuS
  • verlässliche Kontaktangebote durch die Schulen an die Eltern sicherstellen (auch als digitale Zeitfenster)
  • Angebot von Austauschformaten
  • Elternaktivierung (bspw. mittels Ressourcen und Engagement bestehender Schulfördervereine)

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • bestehende Elternkontakte stärken und neue herstellen
  • konkrete Hilfen bei der Lernunterstützung (bspw. Lernrahmenbedingungen verbessern, Lernraumgestaltung zu Hause)
  • Eltern über die Rolle der JSA informieren und Kontaktmöglichkeiten anbieten (bspw. Infobriefe und offene Sprechstunden)
  • Informationsmaterial über Hilfsangebote für Eltern verbreiten

POSITIONEN

BILDUNGSPERSPEKTIVE

Bildungsunterschiede nehmen im auf Homeschooling basiertem Lernen weiter zu. Bildungsbenachteiligte werden weiter abgehängt.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Sicherung langfristiger individueller Unterstützung für Benachteiligte

  • Sicherstellung persönlicher Begleitung und Stärkung im Schulalltag plus unterstützender Ferienangebote über die Pandemie-Zeiten hinaus (bspw. vorhandene, erprobte Unterstützungsformate wie LernBrücken und Ferienschule)
  • sozialpädagogische Expertise in der Jugendsozialarbeit und im schulischen Ganztag aufstocken sowie psychosoziale therapeutische Beratung sicherstellen
  • Bildungskonzepte unter Einbindung regionaler Bildungspartner anpassen (bspw. Angebote der Jugendhilfe, Ehrenamt, Wirtschaft)
  • Lernpatenschaften, Coaching- und Mentoren-Programmen initiieren

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • individuelle Beratung und Begleitung sicherstellen
  • Vermittlung zu anderen Unterstützungssystemen im Sozialraum herstellen
  • Initiierung, Begleitung und Vernetzung unterschiedlicher schulischer Programme (bspw. Kontakte vermitteln, Absprachen treffen)

POSITIONEN

„VERLORENE“ KINDER

Die Zahl junger Menschen, die in Zeiten des Homeschoolings abtauchen oder die Schule ganz verweigern, nimmt zu.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Identifizierung von Schuldistanzen und professionelle Ansätze für den Umgang damit

  • Übersicht über SuS verschaffen, die „verloren“ scheinen; Identifizierung von SuS in Schuldistanzstufen
  • Gründe für Schuldistanz identifizieren, Regeln klären, Orientierung geben
  • Bedeutung von Schuldistanz im schulisch angeleiteten Lernen zu Hause klären
  • Kontakt mit allen SuS und Eltern herstellen
  • schulbezogene Konzepte spezifizieren, um die SuS wieder an schulisches Lernen heranzuführen (Handlungsleitfaden)
  • Kleinklassen und Gruppenangeboten für SuS mit erhöhtem Bedarf an Unterstützung einrichten

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • Gründe für die Schuldistanz klären – zusammen mit den jeweiligen SuS
  • Aufsuchen der SuS (bspw. zu Hause)
  • Ideengeber für individuelle Konzepte und Strategien
  • Partnersuche für alternative Lernformen initiieren oder dabei unterstützen (Praktika)
  • Organisieren der Übergabe bzw. einer Begleitung für junge Menschen, die nicht wieder integriert werden können

POSITIONEN

ORIENTIERUNG

Abschlüsse und Übergänge sind gefährdet. Eine berufliche Orientierung findet ohne Praktika oder Beratungsleistungen kaum statt.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Entwicklung von Konzepten für den Übergang zu Ausbildung und Studium

  • Belastungen der jungen Menschen mindern und Rahmenbedingungen schaffen, um Corona-bedingte Nachteile auszugleichen
  • nachholende, angepasste Formate beruflicher Orientierung schnellstens konzipieren und anbieten, insbesondere bei den Abschlussklassen
  • Chancen der pandemiebedingten Veränderungsprozesse nutzen, um Kompetenzerwerb im erweiterten Bildungsverständnis anzuerkennen und unter Corona-Folgen angeeignete non formale Kompetenzen zeugnisrelevant zu berücksichtigen (bspw. selbstständige Bildungsaneignungen im Lernen zu Hause, Selbstorganisation, Selbstkompetenzen wie Einfinden in die neuen Strukturen; Erwerb von digitalen Kenntnissen; Organisation sozialer Kontakte)

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • Netzwerke der freien Träger der Jugendhilfe nutzen (bspw. Jugendberufshilfe als Partner an Bord holen)
  • Unterstützen bei der Organisation von Orientierungswochen mit Netzwerkpartnern
  • prüfen, ob im Bereich des Jugendhilfeträgers bzw. der Netzwerke Praktika oder Ausbildungsplätze ermöglicht werden können
  • Informationen und Vermittlung zu Freiwilligendiensten

POSITIONEN

GEWALT

Die Zahl der Kinderschutzfälle steigt – die Dunkelziffer ist hoch.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Sicherstellung von Kinderschutz und frühzeitige Wahrnehmung von Gefährdungsmerkmalen

  • alle Pädagoginnen und Pädagogen brauchen einen geschärften Blick: Lehrkräfte, Erzieherinnen und Sozialpädagogen müssen über Monate hinweg gemeinsam noch aufmerksamer hinschauen, um Schutzfälle zu identifizieren
  • Pädagoginnen und Pädagogen müssen offene Zeitfenster und geschützte Räume ermöglichen, um SuS als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen
  • Kontakte mit außerschulischen Partnern, insbesondere zum Jugendamt stärken
  • Austausch zwischen den Pädagoginnen und Pädagogen
  • gemeinsame Fort- und Weiterbildung zur Thematik

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • trägerinterne Fortbildung zu Kinderschutzfragen
  • Aufsuchen der SuS (bspw. zu Hause)
  • Einbindung der insoweit erfahrenen Fachkräfte Kinderschutz der freien Träger und des Jugendamtes
  • Angebotsverweise zu Krisendiensten für eine eventuelle Onlineberatung oder einen Hausbesuch
  • aktive Beteiligung am Krisenteam der Schule
  • Unterstützen bei der Organisation von Hilfekonferenzen
  • Unterstützen bei der Einführung von Kinderschutzkonzepten in den Schulen

POSITIONEN

VERNETZUNG

Schulleitungen, Lehrkräfte und Sozialpädagog_innen sind nicht auf eine Pandemie spezialisiert und können nicht alles alleine schaffen.

HANDLUNGSANFORDERUNGEN

Unterstützung und Vernetzung in allen Bereichen

  • Situation von SuS, von Pädagoginnen und Pädagogen und Eltern reflektieren, auswerten und die notwendige Unterstützung identifizieren
  • flexible Nutzung von Unterstützungsformen ermöglichen (bspw. externe Beratung, zusätzliche sinnstiftende innerschulische und außerschulische Aktivitäten, kulturelle Aktivitäten zur Verarbeitung der vergangenen zwölf Monate)
  • Sicherstellen von flexiblen Finanzierungsformen und Budgets für eine bedarfsgerechte Unterstützung von einzelnen SuS und Gruppen sicherstellen

UNTERSTÜTZUNG

Angebote der Jugendsozialarbeit

  • Zusammenarbeit aktivieren(bspw. Netzwerktreffen)
  • Ideen einbringen, Konzepte entwickeln, Angebote anpassen bzw. erweitern (bspw. Workshops)
  • Ressourcenkenntnisse über den Sozialraum einbringen (Umfeld, Netzwerke und deren Arbeitskapazitäten)

Pressekontakt

Katja Hintze, Sarah Pöhlmann und Christina Rothe

Tel: +49 (0)30 8096 2701
Fax: +49 (0)30 8096 2702
Mobil: +49 (0)172 168 6820 (Katja Hintze)

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