Für immer und unverzeihlich?

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum

von Wibke Bergemann

Familie bedeutet Liebe und Geborgenheit, oft aber auch Kränkungen und Ungerechtigkeit. Manche dieser Verletzungen begleiten uns über Jahre. Den eigenen Kindern oder auch den eigenen Eltern zu verzeihen, fällt nicht leicht. Doch es lohnt sich. Denn wer die Vergangenheit loslässt, kann nach vorne schauen und erlebt eine neue Freiheit.

Im Alltag kann Andreas Thomas [Name geändert, d.R.] den Groll, den er bis heute gegen seinen Vater hegt, gut vergessen. Nur manchmal, wenn die beiden miteinander telefonieren, kommen die Erinnerungen aus der Kindheit wieder hoch. Die unberechenbaren Wutausbrüche des Vaters, manchmal setzte es schon wegen einer Kleinigkeit eine Ohrfeige. In den Augen des Vaters war an diesem Sohn alles falsch: die Tischmanieren, die Schulnoten, das Studienfach, der Beruf. Tief in seinem Inneren wartet Andreas Thomas noch immer auf eine Anerkennung, die es nie gab und wahrscheinlich nie geben wird. Wie konnte sein Vater ihn so lieblos behandeln?
Heute ist Andreas Thomas ein erwachsener Mann. Seinen Vater hält er auf Distanz und versucht, so wenig wie möglich an ihn zu denken. Denn Vergessen und Verdrängen – das scheint das Einfachste zu sein.

Rache erhöht den Stresslevel

Natürlich könnte Andreas Thomas auch versuchen, es seinem Vater heimzuzahlen, etwa indem er ihn bewusst mit Nichtachtung straft oder versucht, ihn seinerseits zu kränken. „Rache ist süß und macht nicht dick“, soll Alfred Hitchcock mal gesagt haben. Die Psychologie gibt ihm Recht. Zumindest kurzfristig scheinen Vergeltungsmaßnahmen erhöhte Aktivitäten im Belohnungszentrum des Gehirns, dem Nucleus Accumbens, auszulösen, wie etwa eine Studie am University College London 2006 zeigen konnte.

»Groll zu hegen ist so, als würde man sich selbst schlagen und dann erwarten, dass der andere den Schmerz spürt.«

Doch das Vergnügen ist nur von kurzer Dauer. Wer aus Rache einem anderen Schaden zufügt, der wird auch anschließend noch viel über das erlittene Unrecht nachdenken und es schlechter vergessen können. Er entledigt sich nicht des Problems, sondern das Problem nimmt immer mehr Platz in seinem Leben ein. Psychologen am Hope College in Michigan fanden 2008 in einer Studie bei den Teilnehmenden, die auf Rache sannen, deutlich erhöhte Stresslevel als bei denjenigen, die bereit waren zu vergeben.

Rache ist das Bedürfnis, Gerechtigkeit wieder herzustellen. Doch dabei wird gerne übersehen, dass sich das Erlebte nachträglich nicht ungeschehen machen lässt. Wut und Verbitterung über das Geschehene belasten vor allem einen selbst: „Groll zu hegen ist so, als würde man sich selbst schlagen und dann erwarten, dass der andere den Schmerz spürt“, schreibt der New Yorker Psychotherapeut Mark Sichel. Wer die erlittenen Verletzungen wirklich verarbeiten will, muss lernen, loszulassen und zu verzeihen.

Sich aus der Opferrolle befreien

Für die Psychologie ist Verzeihen eine wichtige Fähigkeit, um trotz der vielen kleinen Konflikte zwischen Menschen die Bindungen aufrecht zu erhalten. Doch je größer das Unrecht, desto schwerer fällt uns das Verzeihen, weil es der Logik von Schuld und Sühne widerspricht. Und natürlich gibt es Fälle, in denen eine Vergebung ausgeschlossen scheint, weil das erlittene Unrecht zu offensichtlich und zu schmerzlich ist. Dann hat Verzeihen eine andere Funktion: Es kann helfen, sich aus der Opferrolle zu befreien und den eigenen Seelenfrieden zu finden.

Der Psychiater Michael Linden rät, sich zunächst darüber klar zu werden, wie sehr man sich selbst durch den Groll einschränkt. Denn das, was uns belastet, ist nicht das Ereignis selbst, sondern unsere Gefühle dazu. Um diese zu überwinden, kann es helfen, die eigene Sicht auf das Geschehene zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln. Dazu sollte man sich fragen: Wann wurde mir selbst schon einmal verziehen? Bin ich selbst frei von jeder Schuld? Und wie hätte ich mich in der Situation verhalten?

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Verzeihen bedeutet nicht Entschuldigen

Wichtig: Relativiert wird nicht die Tat, sondern die Bedeutung, die ich ihr heute gebe. Verzeihen bedeutet weder Vergessen noch Entschuldigen. Das Unrecht bleibt ein Unrecht, die Verantwortung dafür wird nicht gemindert. Das ist gerade für Menschen wichtig, die als Kind seelisch oder körperlich misshandelt oder missbraucht wurden, an denen eine unverzeihliche Tat begangen wurde. Michael Linden erklärt am Beispiel einer Paarbeziehung, was Verzeihen nicht ist: Ein Mann, der von seiner Frau hintergangen wurde, braucht dafür kein Verständnis zu haben. Er muss ihr Verhalten nicht rechtfertigen, weil sie etwa „gute Gründe“ dafür gehabt hätte. Vielleicht wird er sich sogar von ihr trennen. Verzeihen bedeutet lediglich: loszulassen, das Geschehen hinzunehmen und sich von seiner Wut freizumachen. Mit anderen Worten: Derjenige, der ein Unrecht erlitten hat, ändert seine Sicht auf sein Gegenüber.

Dazu ist Empathie nötig. Wer wie Andreas Thomas [Name geändert, d.R.] von seinen Eltern viel Kälte und Härte erfahren hat, sollte schauen, was diese Eltern selbst einmal in ihrer Kindheit erlebt haben. Ohne es zu wollen, geben Eltern häufig die Lieblosigkeit weiter, die sie selbst zuvor bei ihren Eltern erlebt haben. Es hilft, Eltern als ganz normale Menschen zu betrachten, die auch Fehler machen und die erst lernen mussten, Eltern zu sein. Um sich der eigenen Gefühle klar zu werden, empfiehlt die Psychotherapeutin Doris Wolf, dem Vater oder der Mutter einen Brief zu schreiben: „Schreiben Sie sich alle Vorwürfe von der Seele!“ Auf dem Papier ist Platz für alle schmerzlichen Situationen, an die man sich noch heute erinnern kann. Anschließend kann man diesen Brief feierlich verbrennen oder zerreißen – und sich von dieser Last befreien.

»Erwarten Sie nicht, dass Ihre Eltern sich noch ändern oder einsehen, falsch gehandelt zu haben.«

Nicht zuletzt sollte man das Gespräch mit den Eltern suchen, um ihre Sicht auf die damalige Zeit und die Gründe für ihr Verhalten besser zu verstehen. Wolf empfiehlt: „Hören Sie ihnen lediglich zu. Erwarten Sie nicht, dass Ihre Eltern sich noch ändern oder einsehen, falsch gehandelt zu haben.“ Ziel ist es, sich von den negativen Gefühlen zu befreien und die Eltern nicht hassen zu müssen. Das sagt zunächst nichts darüber aus, in welcher Form und ob überhaupt die Beziehung zu ihnen fortgesetzt wird. Man kann seinen Eltern verzeihen und sich dann entscheiden, den Kontakt abzubrechen. Man kann mit der neu gewonnenen Gelassenheit auf Distanz gehen. Und schließlich kann das Verzeihen der erste Schritt zu einer Versöhnung sein. Dazu ist es aber nötig, dass beide Seiten Einsicht und Reue zeigen.

Die Enttäuschung der Eltern

Denn auch Eltern müssen verzeihen können. Ein Perspektivenwechsel: Sabine Krieger [Name geändert, d.R.] hat zwei Töchter. Mit der Jüngeren versteht sich die lebensfrohe 75-Jährige hervorragend. Doch wenn sie über die ältere Tochter spricht, verzieht sie die Stirn vor Ärger. Wahrscheinlich hätte sie den Kontakt längst abgebrochen, wenn die drei Enkelkinder nicht wären. „Sie war immer der Liebling ihres Vaters. Als mein Mann mich wegen einer jüngeren Frau verlassen hat, hat Mona [Name geändert, d.R.] mir die Schuld gegeben. Und das tut sie bis heute.“ Die Beiden sehen sich kaum noch, seit die Tochter nach Australien ausgewandert ist. „Wenn ich sie in Sydney besuche, bekomme ich Unverschämtheiten und Vorwürfe zu hören oder werde kaum beachtet. Nur wenn Mona Geld braucht, wird sie freundlich. Am schlimmsten ist es, wenn sie mich vor meinen Enkelkindern schlecht macht. Das tut richtig weh.“

Die französische Psychologin Maryse Vaillant kennt die schmerzhafte Enttäuschung, die viele Eltern erleben: „Kinder werden nie zu dem, was man von ihnen erwartet; sie erfüllen nicht die Träume früherer Generationen, sind nicht immer dankbar, treu und loyal.“ Die Eltern haben ihren Kindern ihre ganze Liebe geschenkt. Jetzt werden sie plötzlich nicht mehr gebraucht und bleiben einsam und verbittert zurück. Die goldene Regel lautet, seine Kinder so akzeptieren, wie sie sind. Doch das fällt vielen Eltern schwer, wenn das Leben der Kinder nur wenig den eigenen Wünschen und Werten entspricht.

Um ihren Kindern verzeihen zu können, müssen Eltern sich zunächst einmal erlauben, diese zu beurteilen und auch zu verurteilen. Sie müssen sich eingestehen, dass ihre elterliche Liebe an eine Grenze gestoßen ist. Und sie müssen sich von den Schuldgefühlen befreien, die jedes Scheitern der Kinder bei ihnen auslöst. Aus ihren Erfahrungen in der Familientherapie weiß Vaillant: „Das Gewicht der Elternschaft kettet sie an die Kinder, so dass sie sich nicht ohne Weiteres von ihrer Bürde, ihrer Aufgabe und ihrem Groll befreien können.“

»Wem es gelingt, seinen Kindern zu verzeihen, der verzeiht auch dem Leben und sich selbst.«

Die Wut auf die eigenen Kinder zulassen

Der Weg zum Verzeihen ist für Eltern vielleicht noch schwieriger als für erwachsene Kinder. Sie müssen die Wut auf die eigenen Kinder zulassen, Bilanz ziehen und viele, über Jahrzehnte gepflegte Gewissheiten infrage stellen. Um Gelassenheit und Erleichterung zu erlangen, ist es nötig, dass Eltern sich von mehr oder weniger bewussten Erwartungen trennen und Realitäten akzeptieren, die sie lange nicht wahrhaben wollten. Der beschwerliche Weg lohnt sich: „Wem es gelingt, seinen Kindern zu verzeihen, der verzeiht auch dem Leben und sich selbst“, meint Vaillant.

Die gute Nachricht: Umso älter wir werden, desto leichter fällt es uns, zu verzeihen. Zu diesem Ergebnis kommt der Schweizer Psychologe Mathias Allemand, der verschiedene Studien über die Bereitschaft zum Verzeihen ausgewertet hat. Scheinbar gelingt es uns mit zunehmendem Alter besser, mit negativen Ereignissen umzugehen. Zudem wächst das Bedürfnis, ungeklärte Konflikte zu lösen. Doch egal wie viel Lebenserfahrung wir haben, komplett loszulassen ist schwer. Es gelingt mal mehr, mal weniger. Die Möglichkeit, dass ein alter Groll wieder in uns hoch steigt, bleibt immer bestehen. Und so bleibt Verzeihen ein Prozess, der vielleicht nie endgültig abgeschlossen wird.

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum (Ausgabe No. 11) auf der Grundlage des darin erschienenen Beitrags von Wibke Bergemann. Alle Artikel und Ausgaben des Online-Magazins können Sie kostenlos lesen unter: www.das-prinzip-apfelbaum.de

Dies ist ein Gastbeitrag der “Initiative Apfelbaum – mein Erbe tut Gutes“. Die Stiftung Bildung benutzt eine gesellschaftlich bewusst reflektierte Sprache (bspw: mit*, Diskriminierungen vermeidend, Vielfalt der Gesellschaft sichtbar machen u.ä.) in all ihren eigenen Beiträgen, respektiert das Recht am eigenen Wort der*des Autor*in, veröffentlicht auf den eigenen Medien der Stiftung Bildung jedoch nur die der Compliance angepassten Texte.

Fotos: David Clode/Unsplash;

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