Ein Puzzle aus Erinnerungen

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum

von Katja Hübner

Frauke von Troschke ist die Hüterin des Grals deutscher Erinnerungen. 1998 gründete sie in Emmendingen das Deutsche Tagebucharchiv. Die ständig wachsende Sammlung umfasst inzwischen über 20.500 Dokumente. Sie geben Einblicke in die Erfahrungen der Menschen aus den vergangenen 200 Jahren. Doch die Tagebücher sind mehr als nur persönliche Notizen. Sie helfen, das Leben zu verstehen.

Tagebücher sind mehr als nur persönliche Notizen, denn sie spiegeln die vielen verschiedenen Erfahrungen der Menschen zu einer bestimmten Zeit wider. Was hat sie bewegt? Was mussten sie ertragen? Von welchen Vorstellungen wurden sie geleitet? Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen ist ein ständig wachsendes Archiv der Erinnerungen. Es umfasst mehr als 20.500 Dokumente vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, geschrieben von über 4.000 Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen, erfasst von 100 Ehrenamtlichen. Gegründet wurde es 1998 von Frauke von Troschke – geboren 1944, viele Jahre in der Kommunalpolitik aktiv, als Stadträtin in Emmendingen und als Kreisrätin des Landkreises Emmendingen. Inspiriert vom Italienischen Tagebucharchiv gelang es ihr, in ihrer Stadt genügend Leute für die Idee zu begeistern. 18 Jahren lang leitete sie das Archiv, bis sie 2016 den Vorsitz abgab.

Frau von Troschke, wie erklären Sie sich, dass bis 1998 kein Tagebucharchiv in Deutschland existierte? Schließlich spielt Erinnerungskultur hier doch eine besondere Rolle.

Ich denke, dass das Thema bis dahin eher von oben herab betrachtet wurde, besonders von der Wissenschaft. Schließlich sind die Inhalte von Tagebüchern rein subjektiv. Aber meine Meinung ist: Jedes Tagebuch liefert einen Teil zu einem großen Puzzle. Und die Menge aus vielen subjektiv geschriebenen Erfahrungen ergibt ein objektives Bild über das Leben zu einer bestimmten Zeit und unter den jeweiligen Bedingungen. Heute ist das Archiv gerade für Wissenschaftler*innen, aber auch für Autor*innen, Filmemacher*innen oder Privatpersonen ein riesiger Fundus der Alltags- und Mentalitätsgeschichte.

Warum schreibt ein Mensch Tagebuch?

Weil er sich seiner selbst versichern möchte. Es geht darum, Erinnerungen festzuhalten und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Tagebuch zu schreiben, kann helfen, Erlebtes zu verarbeiten, Abstand zu gewinnen, vielleicht das Leben noch einmal zu ändern oder ihm einen anderen Schwerpunkt zu geben. Von Ärzt*innen wird das sogenannte Von-der-Seele-schreiben als eine Form der Therapie vorgeschlagen. Indem man etwas aufschreibt, bekommt man auch eine gewisse Distanz zu sich, sieht manche Dinge vielleicht anders und lernt sich selbst besser kennen. Was habe ich in einer bestimmten Situation eigentlich gemacht und gedacht?

Gibt es einen bestimmten Typ, der Tagebuch schreibt?

Es gibt introvertierte und es gibt extrovertierte Menschen. Die Introvertierten reflektieren mehr, sie setzen sich mit sich selbst und ihren Erfahrungen auseinander. Die Extrovertierten reden und kommunizieren das, was sie bewegt. Interessant ist, dass wir mehr Dokumente von Männern als von Frauen in unserem Besitz haben. Das mag daran liegen, dass Frauen sich mehr austauschen oder aber einfach nicht so viel Zeit zum Schreiben hatten und haben. Viele der Dokumente sind auch in Kriegszeiten entstanden und berichten von Leid, Zweifel und Einsamkeit.

»Ich sehe in den Tagebüchern geschriebenes Leben. Anonyme Dokumente der Zeitgeschichte, die es möglich machen, das Leben besser zu verstehen.«

In Italien wird das Tagebuch-Archiv auch „Friedhof“ genannt.

Tatsächlich sind die Texte in den Tagebüchern etwas, das von einem Menschen bleibt, wenn er gegangen ist. Der Begriff Friedhof klingt mir aber zu sehr nach Tod. Ich sehe in den Tagebüchern genau das Gegenteil, nämlich das Leben. Sie sind geschriebenes Leben. Anonyme Dokumente der Zeitgeschichte, die es möglich machen, das Leben besser zu verstehen. Viele geben ihr Tagebuch auch schon zu Lebzeiten bei uns ab, etwa wenn sie eine bestimmte Phase überstanden oder abgeschlossen haben, sich neu orientieren wollen, andere Wege gehen.

Wer kommt zu Ihnen?

Das ist ganz unterschiedlich. Kinder oder Enkel, die Tagebücher von ihren Vorfahren geerbt haben, Jugendliche, die die Pubertät und ihre erste Liebe durchlitten oder aber Erwachsene, die eine Krankheit durchlebt haben. Mit allen setzen wir einen Vertrag auf, in dem gewährleistet ist, dass sie uns das Dokument zur Verfügung stellen. Jederzeit aber können sie zu uns kommen und es wieder einsehen.

Möchten Sie mit Ihrem Erbe oder Nachlass Bleibendes schaffen?

Wir informieren Sie gern über die verschiedenen

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Tagebücher bedeuten Erinnerungen. Der Schriftsteller Jean Paul hat einmal gesagt: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Was denken Sie mit Blick auf die Tagebücher in Ihrem Archiv?

Ein Paradies ist ja etwas, in dem es einem unheimlich gut geht, wo man sich wohlfühlt, ein Ort, den man nicht mehr verlassen möchte. Nein, diesen Spruch kann ich nicht unterschreiben.

Sondern, woran erinnert man sich?

Spannende Frage. Mein Sohn hat gerade ein Erinnerungsgespräch mit seinem Großvater geführt, und dabei kamen Dinge zum Vorschein, mit denen man nicht gerechnet hätte. Richtig schlimme Dinge, die vor allem mit dem Krieg zu tun hatten. Und so ist es auch: Es gibt wenige Tagebücher, die im Zuge der Hochstimmung oder des guten Befindens verfasst wurden. In der Regel schreiben sich die Menschen ihre Probleme von der Seele. Sie verarbeiten das Schwierige, das Leid, die Krankheit, den Tod. Es gibt Texte, bei denen es schwerfällt, sie bis zum Ende zu lesen. Man möchte heulen, so traurig sind sie.

»Tagebücher erzählen nicht nur von Leid, sondern auch von Hoffnung. Es geht nicht immer schlecht aus.«

Spiegeln diese Erinnerungen an schlimme und schwierige Zeiten nicht nur die eine Seite des Lebens wider?

Im Leben gibt es nicht nur Jubel und Heiterkeit, das weiß jeder. Sicherlich sind es vor allem die schweren Momente eines Lebens, die einen Menschen prägen. Doch Tagebücher erzählen nicht nur von Leid, sondern auch von Hoffnung. Von der Hoffnung darauf, dass eine Krankheit heilen kann. Dass man es schafft, sich von seinem Mann zu trennen, die Familie zurückzuerobern oder aber ein Haus zu bauen. Tagebücher machen Menschen Mut, die sich in gleichen Situationen befinden. Es geht nicht immer schlecht aus.

Wie sind Sie auf die Idee zu einem Tagebucharchiv gekommen?

Ich bin ein sozialer Mensch, war immer schon kommunalpolitisch aktiv. Ich habe viele verschiedene Schicksale um mich herum mitbekommen und es hat mich immer interessiert, wie die Menschen damit umgehen, wie sie Konflikte bewältigen und Probleme lösen. Durch meine Schwester, die in Italien lebt, habe ich das italienische Tagebucharchiv kennengelernt. Sie arbeitet dort ehrenamtlich. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, war ich fasziniert. Von den Büchern, den Lebensläufen, den Geschichten. Als ich herausfand, dass es in Deutschland noch kein Tagebucharchiv gab, stand mein Entschluss fest, gemeinsam mit anderen ein solches Archiv ins Leben zu rufen.

Sie waren 18 Jahre lang Vorsitzende des Archivs. Wie hat Sie die lange Zeit mit den Geschichten persönlich verändert?

Der bekannte Journalist und Gründer des italienischen Tagebucharchivs Saverio Tutino, hat einmal gesagt: „Jeder hat das Recht, gehört zu werden“. Und genau das ist auch für mich von Bedeutung: Den Menschen eine Plattform dafür zu geben, sich äußern zu können. Jede*r hat das Recht, Leben und Einstellung mitzuteilen. Teilhabe ist mir sehr wichtig. Auch wenn man nur ein einfacher Mensch ist, sollte man öffentlich seine Meinung kundtun dürfen.

»Themen wie Liebeskummer oder die Bewältigung von Schicksalsschlägen sterben nicht aus.«

Wie ist es mit den Erinnerungen heute, in den Zeiten von Internet und Social Media? Stirbt das handgeschriebene Tagebuch langsam aus?

Tja, das weiß niemand. Langfristig kann man diese Frage noch nicht beantworten. Aber computergeschriebene Texte oder Blogs sammeln wir nicht, die finden keinen „Friedhof“ bei uns. Im Moment erreichen uns gleichbleibend etwa 200 Dokumente im Jahr. Das jüngste und letzte Tagebuch kam vor etwa zwei Wochen. Themen wie Liebeskummer oder die Bewältigung von Schicksalsschlägen sterben nicht aus, sie verändern sich nur im Laufe der Zeit in Sprache und Form. Auch wäre es traurig, so einen Schatz wie die Handschrift verloren zu wissen. Denn jede Seite in einem Tagebuch sieht für mich immer noch aus wie ein gemaltes Bild.

Wie gehen Sie mit Ihren eigenen Erinnerungen um?

Bisher habe ich meine Erinnerungen nicht schriftlich festgehalten. Gerade beginnt für mich aber ein neuer Lebensabschnitt, und vielleicht werde ich doch noch anfangen, selbst zu schreiben.

Werden denn Tagebücher für die Nachwelt verfasst?

Im Gegenteil. Die wenigsten Tagebücher erwecken den Eindruck, dass sie geschrieben worden sind, damit andere sie im Nachhinein lesen. Sie sind eher Erinnerungsbücher für einen selbst. Die meisten Schreibenden trauen sich auch nicht, sie noch einmal zu lesen, oder aber erst nach vielen Jahren. Ich habe einmal ein Ehepaar kennengelernt, das aufgrund von Alter und Krankheit sein Haus nicht mehr verlassen konnte. Eines Tages holte die Frau die früheren Reisetagebücher heraus. Sie setzte sich mit ihrem Mann in eine Ecke und gemeinsam machten sie sich noch einmal auf ihre Reise, durchlebten alles erneut. Das ist doch toll.

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum (Ausgabe No. 8) auf der Grundlage des darin erschienenen Gesprächs von Katja Hübner mit Frauke von Troschke. Alle Artikel und Ausgaben des Online-Magazins können Sie kostenlos lesen unter: www.das-prinzip-apfelbaum.de

Dies ist ein Gastbeitrag der “Initiative Apfelbaum – mein Erbe tut Gutes“. Die Stiftung Bildung benutzt eine gesellschaftlich bewusst reflektierte Sprache (bspw: mit*, Diskriminierungen vermeidend, Vielfalt der Gesellschaft sichtbar machen u.ä.) in all ihren eigenen Beiträgen, respektiert das Recht am eigenen Wort der*des Autor*in, veröffentlicht auf den eigenen Medien der Stiftung Bildung jedoch nur die der Compliance angepassten Texte.

Fotos: Pexels/Pixabay; Dean Moriarty/Pixabay

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