Wie können wir die Schulpflicht sichern und Bildung gemeinsam stärken?

Stellungnahme der Stiftung Bildung

Berlin, 02.04.2026

Das Thema Schulpflicht gewinnt derzeit an Aufmerksamkeit. Wir beobachten die Diskussion um eine mögliche Abschaffung der Schulpflicht mit großer Sorge, nicht zuletzt im Kontext anstehender Landtagswahlen und entsprechender politischer Forderungen.

Aus unserer Sicht ist die Schulpflicht ein zentrales Fundament für Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine funktionierende Demokratie.

Sind Schulen mehr als Lernorte?

Schulen sind weit mehr als Orte der Wissensvermittlung. Sie sind soziale Räume, Lebens- und Wohlfühlorte, an denen Kinder und Jugendliche unabhängig ihres Hintergrunds und ihrer individuellen Voraussetzungen gemeinsam lernen.

Hier begegnen sie Vielfalt, erleben Gemeinschaft, lernen, andere Perspektiven zu respektieren und sich eine eigene, faktenbasierte Meinung zu bilden. Schule ist damit ein zentraler Ort demokratischer Erfahrung.

Die Schulpflicht stellt sicher, dass alle Kinder Zugang zu diesen Bildungs- und Erfahrungsräumen erhalten, nicht nur diejenigen, deren Erziehungsverantwortliche über entsprechende Ressourcen für alternative Bildungswege wie Homeschooling oder Privatschulen verfügen.

Verschärft die Abschaffung der Schulpflicht Ungleichheit?

Eine Abschaffung der Schulpflicht löst diese gemeinsame Grundlage auf und verschärft bestehende strukturelle Ungleichheiten. Ohne Schulpflicht hängen Bildungschancen noch stärker vom Elternhaus ab mit erheblichen Folgen für Teilhabe, Chancengerechtigkeit, soziales Mit- und Füreinander und Kinder- und Jugendschutz.

Längst wissen wir: In Deutschland hängen Bildungschancen so stark wie in kaum einem anderen EU-Land vom Einkommen und vom Bildungsstand der Erziehungsverantwortlichen ab. Das Bildungssystem wird seiner Aufgabe, Inklusion zu ermöglichen, bislang nicht gerecht.
Die Konsequenz darf jedoch nicht sein, sich aus der gemeinsamen Verantwortung zurückzuziehen. Im Gegenteil: Wir müssen sie endlich konsequent wahrnehmen.

Schützt Schule vor Ausgrenzung und Indoktrination?

Schule ist ein Schutzraum. Sie bietet verbindliche Strukturen, gemeinsame Bildungsstandards und professionelle Begleitung.

Wenn staatliche Verantwortung für Bildung zurückgedrängt wird, entsteht ein Vakuum, das von unterschiedlichen Akteur*innen gefüllt werden kann – und das nicht unbedingt im Sinne von Vielfalt, Offenheit und unseren demokratischen Grundwerten. Umso wichtiger ist es, die Rolle von Schule als öffentlichen, sozialen, demokratischen Bildungsort zu stärken.

Gerade deshalb braucht es starke öffentliche Bildungsorte, die allen Kindern zugänglich sind und demokratische Werte vermitteln.

Gehören Schulpflicht und Inklusion zusammen?

Die UN-Kinderrechtskonvention garantiert das Recht auf Bildung und auf gemeinsames Lernen. Inklusion bedeutet, dass Kinder aller Hintergründe, mit und ohne Behinderung, mit und ohne Erkrankung, mit unterschiedlichen Startchancen, Fähigkeiten und Bedürfnissen gemeinsam lernen.

In Deutschland wird das trotz mehrfacher Mahnung durch die Vereinten Nationen (UN) nicht ausreichend umgesetzt. Um ein inklusives Bildungssystem und damit Bildungs- und Chancengerechtigkeit zu fördern, müssen wir nicht die Schulpflicht, sondern das segregierende, dreigliedrige Schulsystem in Frage stellen. Statt das System konsequent inklusiv weiterzuentwickeln, werden so viele neue Förderschulen geplant, wie lange nicht. Das verstärkt Trennung statt Teilhabe.

Gleichzeitig erleben wir, dass das bestehende System insbesondere für neurodivergente, chronisch kranke oder psychisch belastete junge Menschen oft nicht passt. Das führt zu Leid, Frust und berechtigter Verzweiflung bei allen Beteiligten. Diese Realität müssen wir ernst nehmen. Die Antwort darauf kann nicht sein, die gemeinsame Bildungsbasis aufzugeben.

Brauchen wir ein besseres Bildungssystem?

Alle Kinder haben die gleichen Rechte, aber es müssen und sollen nicht alle gleich funktionieren. Die Debatte darf nicht lauten „Schulpflicht – ja oder nein“. Die aus unserer Sicht richtige Frage ist: Wie gestalten wir Bildung so, dass sie für alle Kinder funktioniert?

Was es jetzt braucht, ist beides gleichzeitig: ein starkes, inklusives Bildungssystem und individuelle Lösungen innerhalb dieses Systems.

Was bedeutet das konkret?

  • mehr inklusive Lernräume und -settings, die Vielfalt als Normalität begreifen
  • mehr individuelle Förderung und flexible Bildungswege, gerade für Kinder, die nicht jeden Tag im klassischen Bildungssystem lernen können
  • multiprofessionelle Teams aus Pädagog*innen, Sozialarbeit, Therapie und Beratung
  • bessere Unterstützungssysteme für Fachkräfte, Erziehungsverantwortliche und junge Menschen
  • sinnvolle Nutzung von digitalen Möglichkeiten und KI, um Lernen individueller, zugänglicher und entlastender zu gestalten
  • Deutlich mehr Investitionen in Bildung – von der frühkindlichen Bildung bis zur Hochschule, Förderung von Bildungsgerechtigkeit, Bildungstransformation

Beispiele zeigen, dass es geht: Schulen in Skandinavien, innovative Konzepte einzelner Schulen in Deutschland machen vor, wie Lernen anders und besser gestaltet werden kann.

Wie wichtig ist die Perspektive von Betroffenen?

Familien können nicht darauf warten, dass das System irgendwann besser wird. Für viele Kinder ist die Situation jetzt herausfordernd.

Genau deshalb finden wir es so wichtig, Betroffenenperspektiven hör- und sichtbar zu machen, insbesondere die Stimmen von Kindern und Jugendlichen, und sie viel stärker in politische Entscheidungen einzubeziehen. Ihre Erfahrungen müssen Ausgangspunkt für politische Entscheidungen sein.

Wenn wir das ernst nehmen, geht es nicht um die nächste Reform. Dann geht es um eine echte Bildungsrevolution, die dringend notwendig ist.

Unser Fazit: Ist die Schulpflicht eine wichtige Grundlage für Bildungsgerechtigkeit?

Die Schulpflicht ist eine wichtige gemeinsame Grundlage. Sie sichert allen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Bildung, Teilhabe und sozialen Erfahrungsräumen. Wer sie abschaffen will, riskiert mehr Ungleichheit und weniger Teilhabe, eine Schwächung demokratischer Grundlagen und ideologische Abschottung oder Indoktrination.

Statt die Schulpflicht infrage zu stellen, sollten wir darüber sprechen, wie Bildung besser werden kann: inklusiver, gerechter, partizipativer und stärker an den Lebensrealitäten junger Menschen orientiert von Kita über Schule bis Ausbildung und Studium.

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